Rachel Kolly d'Alba

<-- Back


- 10. FEB 2013, «  SonntagsZeitung», Mr. Jonas Dreyfus (Text) & Philipp Rohner (Fotos)

tas_20130210_0_0_79
Klassikerin mit Rock nRoll-Anmutung

Stargeigerin Rachel Kolly d’Alba wohnt in einem abgeschiedenen Bergdorf nahe Montreux – weil sie muss


Von Jonas Dreyfus (Text) und Philipp Rohner (Fotos)


Sie sucht ihr Saucen-Buch. Rachel Kolly d’Alba ist nämlich nicht nur Geigerin, sondern auch passionierte Köchin, wie sie in französisch eingefärbtem Deutsch erklärt. Zweimal pro Jahr macht sie «eine Banquet». Dann lädt die streng katholisch erzogene Lausannerin Freunde aus aller Welt in ihr einfaches Häuschen am Rand von Les Avants ein, einem kleinen Dorf in den Bergen bei Montreux.

An Weihnachten habe sie unter dem Motto «Die sieben Todsünden» einen Mehrgänger aufgetischt. Doch jetzt fehlt dieses Buch. «Meine Bibel», wie Kolly d’Alba schnaubend sagt. Man kann sich die 31-Jährige in diesem Moment gut beim Geigespielen vorstellen: Wie sie energisch bis zu acht Stunden am Tag auf ihrer Stradivari übt.

Kolly d’Alba setzt sich ins braune Chesterfield-Sofa, um gleich wieder aufzustehen und sich die gefühlt hundertste Tasse Espresso herauszulassen. Baldachine hängen neben Kronleuchtern von wurmstichigen Dachbalken, «Tausendundeine Nacht» trifft auf «Uli der Knecht». «Ich hasse die Einsamkeit hier», sagt sie und schaut aus dem Fenster in die verschneite Landschaft, wo ihr Nachbar kürzlich einen Luchs gesichtet habe. «Aber ich brauche die Ruhe zum Arbeiten.»

Ihr Freund ist Stardirigent und nur drei Tage im Monat bei ihr

Als erfolgreichster Violonistinnen-Export der Schweiz ist sie fast immer unterwegs. Gerade war sie auf Asien-Tour und trat vor bis zu 4000 Zuschauern mit dem Tokioter NHK Symphony Orchestra auf, einem der besten Orchester der Welt. Ihren Freund, den in Frankreich wohnenden amerikanischen Stardirigenten John Axelrod, sehe sie nur zwei bis drei Tage im Monat, sagt Kolly d’Alba. «Wir haben dieselben Herausforderungen im Leben.» Beide sind geschieden und haben Kinder vom früheren Partner.

Kolly d’Albas sechsjährige Tochter Amarena pendelt alle zwei Wochen zwischen Mutter und Vater. Immer dabei ist ihr Zwerghase Mercury, der nach Freddy Mercury von der Band Queen benannt ist und überall herumhoppelt. Sein Käfig steht gleich neben dem Profi-Davoser, den man braucht, wenn man mit einem Kind gleich neben der Schlittenbahn wohnt. «Es ist der einzige Sport, den ich noch mache.»

Im Dachstock ist hasenfreie Zone. Und hier, gebettet auf einem ledernen Sitzkissen, liegt sie: eine Stradivari im Wert von dreieinhalb Millionen Franken. «So eine Geige kauft man nicht», sagt Kolly d’Alba über ihr Berufswerkzeug, das für den Geiger-typischen Abdruck auf ihrer Backe verantwortlich ist. Ihre «Strad», wie sie es nennt, sei eine Leihgabe eines Pariser Sammlers. «Zwanzig Jahre darf ich darauf spielen.» Sie habe schon als Einjährige gewusst, dass sie Geigerin werden wolle. Als sie endlich ihr erstes Instrument bekam, soll sie gesagt haben, das sei der schönste Tag ihres Lebens. «Ein bisschen ‹bizarre› für eine Fünfjährige ...»

Bizarr? Eigentlich nicht. Denn eines muss man über Kolly d’Alba wissen: Ihr Rock-Chick-Look, ihre wilden, roten Haare, die schwarz lackierten Fingernägel und die dunkel umrahmten Augen, die aussehen, als würden sie gleich in Tränen ausbrechen – das alles ist für sie nur ein Spiel mit Äusserlichkeiten. «Ich war nie in einer Disco – solche Sachen haben mich nie interessiert», sagt sie. «Meine Teenager-Krisen habe ich mit Musik und Literatur verarbeitet.»

Auf dem Rand ihres Bettes liegt neben Büchern von Balzac, Flaubert und Proust «Der menschliche Makel» von Philip Roth. Den zeitgenössischen US-Autoren lese sie seit neustem mit grossem Interesse. «So richtig zu Hause fühle ich mich aber bei allem, was vor 1970 erschien.»

Vielleicht liegt es an ihrer Liebe zur Vergangenheit, dass sie so rastlos ist im Jetzt. «Ich fühle mich schon sehr weit weg von allem hier oben», sagt sie. Vielleicht sei es bald wieder Zeit, weiterzuziehen. «Ich wohne jetzt seit zwei Jahren hier. Das ist schon recht lange, n’est-ce pas?»

Ihr Vibrato ist stark
Rachel Kolly d’Alba, 31, gilt als erfolgreichste Violinistin der Schweiz. Die Lausannerin brach mit 15 das Gymnasium ab, um sich voll aufs Geigenspielen zu konzentrieren. Ihr Studium führte sie nach Bern, London und Paris. Gerade hat sie ihre dritte CD «American Serenade» (Warner) mit Gershwin- und Bernstein-Nummern herausgebracht. Ihre Spezialität sind ein durchdringender Ton und ein starkes Vibrato. Als erste Schweizerin hat sie im vergangenen Herbst einen International Classical Award gewonnen. Kolly dAlba wohnt im Dorf Les Avants in den Bergen bei Montreux in einem kleinen Mietshaus.

Rachel Kolly d’Alba mit Zwerghase Mercury: «Ich wohne jetzt seit zwei Jahren hier. Das ist schon recht lange, n’est-ce pas?»
Stradivari im Wert von dreieinhalb Millionen Franken, hasenfreie Dachzone, Haus in den Bergen bei Montreux, Wohnzimmer: «Ich hasse die Einsamkeit hier, aber ich brauche die Ruhe zum Arbeiten»
<-- Back