Rachel Kolly d'Alba

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- 01. MAR 2012, « Musik und Tteater », Text: Reinmar Wagner


RACHEL KOLLY D’ALBA,

Das Alphabet der Klangfarben
Die Schweizer Geigerin Rachel Kolly d'Alba gewann mit franzôsischer Musik den ICMA-Award in der Kategorie «Concertos». Ihr Markenzeichen ist ein intensiver, glùhender Ton und ein atemberaubendes Vibrato. Und das Wissen, wie man diese Vorteile einsetzen kann.
Reinmar Wagner
M&T:
Da geht die Reise dann aber weg von Frank- reich?
Rachel Kolly d'Alba: Ja, nach Amerika. Ich werde Bernstein, Gershwin und Waxman kombinieren, wieder mit John Axelrod und dem Orchester von der Loire. Diese CD wird wahrscheinlich noch 2012 erscheinen. Die nächste dann ist den Konzerten von Tschaikowsky und Szymanowski gewidmet. Mit Tschaikowsky will ich mich auch einmal im grossen Konzert- Standard-Repertoire zeigen. Interessant ist: Beide Konzerte sind am Genfersee komponiert worden, wo ich auch wohne.
M&T: Denken Sie, dass Sie in dieser Landschaft, die Sie kennen, eine besondere Inspiration finden?
Rachel Kolly d'Alba: Kann sein, wer weiss das schon wirklich. Ich finde meine Inspiration eigentlich auch beim Le-sen. Ich wohne in den Bergen, über dem See, das ist wunderschön abgelegen. Ich fühle mich sehr wohl weit weg von der Welt, umgeben von meinen Büchern und der Ruhe.
M&T: Das ist ein ziemlich grosser Kontrast zur extrovertierten Erscheinung, die Sie auf lhren Fotos sind, aber auch in Ihrer Kleidung und der Art, wie Sie sich schminken.
Rachel Kolly d'Alba: Das gehôrt auch zur Performance. Was wir denken, fühlen und was wir geben, ist ein Teil unseres Lebens. Aber darüber mache ich mir wenig Gedanken. Ich komme aus einer sehr katholischen Familie, mein Vater arbeitet für den Papst, meine Mutter wurde geprägt durch eine strenge katholische Schule, und da ich musste ein bisschen Kontra geben. Meine Eltern haben immer gesagt: Wenn du erfolgreich sein willst als Musikerin, dann musst du fleissig sein. Ich habe dann während meiner Studienzeit meine eigene Webseite gebastelt, und meine Eltern waren schockiert:Wa- rum diese Bilder, du spielst doch Geige!
M&T: Fleissig waren Sie offenbar auch. Und gründlich: Sogar mit dem Enkel von Ysaye haben Sie sich getroffen, um möglichst viel zu erfahren. Er hat einen Tag lang erzählt. Das sind meine Inspirationen.
M&T: Was konnte er Ihnen über die Musik erzählen?
Rachel Kolly d'Alba: Zum Beispiel über die Orchestrierung von «Rêve d'enfant», die Ysaye nachweislich gemacht hat, die aber verloren ist. Ich habe das auf der CD aus den erhaltenen Manuskripten zu rekonstruieren versucht. Es gibt weit mehr Musik für Geige und Orchester von Ysaye, die aber kaum bekannt ist. Meistens spielen die Geiger die sechs Solosonaten, weil sic virtuos und schnell und schwer sind. Aber Ysaye konnte auch sehr poetisch schreiben, und ich glaube, es ist gut, dass man auch diese Facetten in seiner Musik wahrnimmt, dass man merkt, es gibt auch menschliche Qualitäten darin.
M&T: Aber das Virtuose in den sechs Sonaten hat auch seinen Reiz?
Rachel Kolly d'Alba: Sicher. Aber auch da kann man sehr viel mehr wissen. Zum Beispiel sind sehr viele Druckfehler, Hunderte, in der aktuellen Ausgabe. Akkorde mit sechs Tönen, die man eigentlich gar nicht spielen kann, und man muss Wege finden, wie man das hinbekommt. Oder Fingersàtze, die keinen Sinn machen, aber man denkt, es ist hait von Ysaye. Dabei stimmt es einfach nicht. Da hat mir der Besuch bei der Fa- milie auch viele Erkenntnisse gebracht. Das Virtuose an sich hat mir nie beson- ders viel bedeutet. Fur viele Geiger ist es ein Kampf, ich habe das nie so empfun- den. Ich habe nur bedauert, dass er kein Geigenkonzert geschrieben hat. Oder Ravel, oder Debussy, oder Richard Wagner, das wäre ein Traum.
M&T: Von Ravel gibt es immerhin die Tzigane.
Rachel Kolly d'Alba: Interessant ist, dass Ravel sehr genau ist in seiner Schreib- weise. Die Tzigane liest und lernt man, und dann vergisst man die Noten. Aber es gibt so viel Liebevolles in dieser Komposition. Ich mag Präzision. Auch in
M&T: Rachel Kolly d'Alba, das dritte Violinkonzert von Saint-Saëns, Ravels «Tzigane», Chaussons «Poème» und zwei kürzere Stücke von Ysaye versammeln Sie auf Ihrer zweiten CD. Die erste war schon den Solo sonaten von Ysaye gewidmet. Woher kommt diese Vorliebe für das französische Repertoire?
Rachel Kolly d'Alba: Die sechs Sonaten von Ysaye, das ist einfach meine Welt, da fühle ich mich zu Hause. Und die zweite CD ist fast eine logische Weiterentwicklelung.
M&T: Fühlen Sie sien wohl beimLabel Warner?
Rachel Kolly d'Alba: Ja. Ich habe grosses Gluck. Wir haben immer nur über Repertoire gesprochen, das ist nicht üblich in dieser Szene. Die CD kommt weltweit heraus. Warner ist in Grossbritannien und in den USA sehr stark, auch in Asien. Das ist für mich eine sehr komfortable Situation. Die beiden nächsten CDs werden auch bei Warner erscheinen.
«Ein Konzert von Richard Wagner wâre ein Traum»
Rachel Kolly d'Alba: Es ist mir ein riesi- ges Bedûrfnis, môglichst viel zu wissen, so weit wie môglich in die Tiefe zu ge- hen. Deshalb war es unglaublich schon fur mich, Ysayes Enkel zu treffen, die Manuskripte in der Hand zu halten. Er hat aïs kleines Kind im Haus von Ysaye gelebt, hat Ravel und Enescu gesehen. Meinem nâchsten Projekt: Amerikani- sche Musik wird ja oft aïs eine Art Pop- musik betrachtet. Aber Gershwins «Por- gy and Bess» ist ûberhaupt nicht einfach nur glamourôs, sondern hat eine Ge- nauigkeit und liebevolle Detailliertheit. Gershwin fûhlte sich zum Beispiel Alban. Berg sehr nahe, und man kann durchausParallelen zwischen «Summertime» und dem Wiegenlied in «Wozzeck» finden.
M&T: WerdenSieauchdaversuchen,weitere Infor- mationenbelFamilienangehôrigen zu finden?
Rachel Kolly d'Alba: Ich stehe in Kon- takt mit der Famille Waxman. Und John Axelrod ist ja ein ehemaliger Schùler von Bernstein und hat die Sérénade mit ihm studiert. Das gibt mir wieder eine Môglichkeit, authentisch zu sein und mehr zu wissen.
M&T: Hat es Sie nie gereizt, auch ganz anderes Ré- pertoire zu spielen?
Rachel Kolly d'Alba: Ich habe immer sehr viel gegessen. Vom Sonaten-Reper- toire habe ich fast allés gespielt. Auch
«Die Frage ist nicht so sehr, was ich spielen will, sondern, wo ich vielleicht etwas Spezielles zu sagen habe.»
viel zeitgenôssische Musik, ich war im- mer neugierig. Die Frage ist nicht so sehr, was ich spielen will, sondern, wo ich vielleichtetwasSpezielleszusagen habe. Natûrlich kônnte ich Brahms-Sonaten spielen, oder Mozart, oder viel Geld verdienen mit den Vivaldi-«Jahreszeiten» oder noch mehr, wenn ich mit einem Popstar zusammen Crossover machen wûrde. Das ist nicht meine Vision, ich môchte auch noch Geige spielen, wenn ich weisse Haare habe. W arum soll ich spielen, was allé spielen? Ich liebe das Berg-Konzert, und auch das Geigen- Klavier-Konzert von ihm. Vielleicht kommt das 2014. Aïs Schwei- zerin wûrde ich auch gerne Schweizer Musik auffûhren. Das zwei- te V iolinkonzert von Schoeck beispielswei- se oder dasjenige von Frank Martin, das sind toile W erke, auf die man stolz sein sollte aïs Schweizerin, und ich môchte auch, dass sic in der ganzen Welt ge- spielt werden.
wirklich kônnen. Ich hatte am Anfang riesige Skrupel.
M&T: WennmanIhremSpielzuhôrt,fàlltdieIntensi- tât unddieVariabilitât IhresKlangsundIhresVibratos auf. Woherkommt das?
«Ich môchte noch Geige spielen, wenn ich weisse Haare habe»
M&T: Welche Rolle spielt der rote Pass fur Sie?
Rachel Kolly d'Alba: Ich habe viele junge Leute erlebt, die glauben, sic hâtten keine Chance, weil sie aus der kleinen Schweiz kommen. Das ist eine Form von Sabotage, f i n d e ich, W i r s i n d ein kleines Land, wir sind Perfektionisten, wir sind ein bisschen schûchtern ...
M&T: ... das sind Sie bestimmt nicht.
Rachel Kolly d'Alba: Na ja, meine Familie môchte es. Ein bisschen schon. Manche Leute haben ùberhaupt keine Hemmungen, auf ein Podium zu gehen, mit etwas, was sich gar nicht
Rachel Kolly d'Alba: Nicht von meinem Lehrer Igor Ozim. Er war extrem objek- tiv in solchen Fragen: Man unterrichtet, was in der Partitur steht; was nicht steht, ist deine eigene Aufgabe. Wenn ich nach Klang oder Vibrato gefragt habe, sagte er immer: Mach, was du fùhlst, es steht nichts. Mit 13 oder 14 wollte ich auch Gesang studieren und habe gemerkt, wie stark man das Vibrato variieren kann. Und ich war extrem neugierig, dièse Vielfalt hat mich fasziniert. Ich habe dann auf der Geige eine lange Pé- riode gehabt, wo ich meine Noten mit Buchstaben fur klangliche Nuancen voll- geschrieben habe: B fur blanc, das heisst ohne Vibrato, C fur calme, A fur air und so weiter. Meine Noten waren ûbersât mit solchen Buchstaben und Pfeilen, wo- hin sich der Klang entwickeln sollte. Das habe ich mit grosser Leidenschaft betrie- ben. Darin wollte ich gut sein, und nicht, wie manche meiner Studienkollegen, môglichst schwere Passagen zu meistern oder môglichst schnell zu spielen.
M&T: Und das Ziel war die Suche nach einer individuellen Klangfarbe?
Rachel Kolly d'Alba: Nicht unbedingt Individualitât, mich hat einfach die Viel- falt der Môglichkeiten fasziniert. Ich habe viele Meisterklassen besucht und dort sehr viele, sehr fleissige Geiger ge- troffen. Und ich fragte mich oft: Wozu sind sic so fleissig? Ist es Sicherheit? Na- tûrlich, man braucht Sicherheit, wenn man auf dem Podium stehen will. Ist es Schnelligkeit, Zirkus? Das hat mich nie interessiert. Und aïs ich mich ernsdiaft fragte, warum ûbe ich, da merkte ich, dass es um Authentizitât geht: Man kann nicht lûgen, wenn man auf dem Podi- um steht. Man muss wirklich wissen, was man macht. Ivry Gitlis, bei dem ich auch studiert habe, hat gesagt: Das Ziel ist, den eigenen Klang zu finden. Und das fasziniert mich. Ich liebe es, den grossen Geigern zuzuhôren. Meine Mutter hat mir immer Kassetten aufgenommen, wenn etwas ùber die Geige im Radio kam. Einmal hat ein Redaktor zehn Auf- nahmen des Mendelssohn-Konzerts ver- glichen. Und ich habe die allé sofort anihrem Klang erkannt, ohne Ausnahme. Eine andere Sendung war ûber das Vib- rato, wie es die grossen Geiger eingesetzt haben.
M&T: Haben Sie das dann nachgemacht? Vibrato wie Heifetz?
Rachel Kolly d'Alba: Heifetz nicht, aber Oistrach und vor allem Ferras.
M&T: Christian Ferras? Warum gerade er?
Rachel Kolly d'Alba: Er ist immer echt. Und man spart nie eine Grenze bei ihm. Sein Vibrato ist extrem schnell, mit sehr vielen Muskeln gemacht. Und es hôrt nie auf, sogar Lagenwechsel und Glis- sandi machte er mit Vibrato. Und er hat einen Klang, der immer atmet, mit sehr viel Bogen, man hôrt die Luft. Man kann das nicht imitieren, sein Klang ist sehr persônlich. Manchmal ist er ex- trem spontan, macht gerade das Gegen- teil von dem, was man erwartet. Aber es funktioniert auf seine Weise. Zeitlos. Leider ist er praktisch vergessen. Es gibt eine wunderschône Aufnahme des Sibe- lius-Konzerts.
M&T: Sibelius wà're eigentlich auch ein Konzert fur Sie?
Rachel Kolly d'Alba: Ich habe es nie gespielt. Natùrlich musste ich es bei Ozim lernen. Aber ich bin jemand, der nicht mag, was Pflicht ist. Allé in meiner Klasse haben Brahms-Sonaten gespielt und das Mendelssohn-Konzert und natûrlich Paganini. Aber ich bin gekommen mit Répertoire, das niemand spielte, mit dem Schumann-Konzert, mit Szymanowski, mit der Sonate von Busoni. Und bei Ysaye wollte ich unbedingt die fûnfte So- nate zuerst lernen, nicht die dritte, wie allé anderen. Ich wollte es nicht einfa- cher haben, aber ich wollte etwas haben, wofùr ich mich einsetzen konnte. Wahr- scheinlich verstehe ich mich deshalb mit John Axelrod so gut. Er ist auch immer mit 150 Prozent bei einem Projekt dabei, hat Charisma und Eloquenz und kann das Publikum und die Orchestermusiker mitreissen. Das Orchester der Loire hat ùbrigens das grôsste Abonnement in ganz Europa, haben Sie das gewusst? 11'000! Und riesige Sale mit 3500 Plat- zen, in denen man aber doch gut spielen kann.
M&T: Wenn man eine gute Geige hat. Sie haben eine Stradivari geschenkt bekommen.
Rachel Kolly d'Alba: Ja, ein toiles Instrument. Ich habe schon Tinnitus (lacht). Ich habe sehr viele schône Instrumente gespielt. Eine tolle Vuillaume für diese französische CD zum Beispiel, die mir fur ein halbesjahr geliehen wurde. Ich konnte dièse Stradivari schon vor drei Jahren in Toulouse spielen. Danach war ich richtig wùtend: Normalerweise mache ich mir nicht viel ans Business und Reichtum, aber da wollte ich génie richtig reich sein. Und dann kam Santa Clans!
M&T: Was macht klanglich den Unterschied aus?
Rachel Kolly d'Alba: Der Klang dieser Geige scheint grenzenlos zu sein. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich mich dem Instrument anpassen muss, wie bei anderen Geigen, wo man das Gefùhl hat, eine kapriziôse alte Dame in den Hânden zu halten, die man behutsam behandeln oder triezen muss. Hier kann ich machen, was ich will. Der Klang auf den hohen Saiten ist nicht scharf, son- dern einfach gross. Das ist unglaublich schon.
M&T: Wir hatten es vornin vom Vibrato. Welche Rol- le spielt denn die rechte Hand bei der Klangfarbe? Haben Sie dafùr auch Buchstaben in ihre Noten ge- schrieben?
Rachel Kolly d'Alba: Es hângt natûrlich zusammen: Einen luftigen Klang macht man mit weniger Druck und viel Zug. Wie viel Druck, wie viel Zug oder an welcher Stelle vom Bogen man spielt, macht einen grossen Unterschied. Und im Konzert kommt der Raum dazu, der Körper, die Atmosphäre. Ich konnte stundenlang über Klang sprechen. Es gibt viele, zu viele Möglichkeiten. Und nur ein Leben. Das ist nicht fair







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